12 Beobachtungen zur Zukunft der Software Entwicklung mit AI

Überlegungen zu Produkt- und Business Individual-Entwicklungen mit AI aktuellen Tools (Claude Code, codex etc).

1️⃣ Das Paradigma “Wegwerfcode” (immer frisch gebacken) ersetzt Code, der einmal erstellt wird - und für ewig in Wartung kam.

2️⃣ Die heutige Anwendung der AI Entwicklungs-Tools ist vergleichbar praktisch wie frühe 4GL Tools und RAD-Tools: man kann schnell 0815/CRUD Tools (Listen, Luxus-Excel) zusammenstellen (Danke Hans für den Vergleich). Im Unterschied zu früher, kommt jetzt echter Code raus, ohne die obskuren Rahmenbedingungen der Tools damals, die oft schnell Grenzen aufzeigten. Die Rahmenbedingungen und Grenzen werden selbst gesetzt. Der generierte Code ist im Allgemeinen sofort nutzbar.

3️⃣ Diese Tools werden monatlich besser und können auch umfangreichen Kontext eines Projekts halten - oder genug, um praxisnahe Teile am Stück zu bearbeiten (Slice an Elephant).

4️⃣ Extreme Programming kam mir zuletzt in den Sinn, Business und Entwickler sind damals - am Anfang der Agilität - näher zusammengerückt und haben schneller geliefert. Das geht jetzt auch viel besser. Damals sind Tools, Produkte und Paradigmen draus entstanden, die eine laufende tägliche Lieferung (CI/CD) ermöglichten - das passiert jetzt auch wieder.

5️⃣ Die fachlichen Diskussion um Anforderungen, Test und Spezifikation beginnt sich zu verstärken. Es ist nicht mehr notwendig, in der AI Entwicklung mit klaren Anweisungen zu arbeiten (”prompten”), aber das Ergebnis muss an klaren fachlichen, technischen und rechtlichen Vorstellungen kontrollier- und messbar sein. GitHub Spec-Kit (”… predictable outcomes instead of vibe coding …”) eignet sich als Einstieg in diese Welt. Auch Experten wie Gojko Azdic beschäftigen sich damit.

6️⃣ Mehr Code wird viel schneller entstehen. Viel schlechter Code und viel guter Code. Nur halt mehr davon. So wie bei manueller Entwicklung. Mit den bekannten Folgen im Schlechtfall: mangelnde funktionale Flexibilität, niedrige Stabilität, fragwürdige Sicherheit und hohe Wartungskosten.

7️⃣ <dystopia> Der automatisch erstellte Code dient unserer Beruhigung. Experten befürchtet Kontrollverlust und sehen bereits den Verlust der Selbstwirksamkeit. Der erstellende Automat erstellt daher Text-Kunstwerke, die ein Compiler wieder zurückumwandelt in maschinelle Ausführbarkeiten. Zwischendurch wird für uns Menschen eine Abstraktionsschicht (Code) angeboten. Zur Beruhigung und damit wir uns daran gewöhnen können, was passieren wird in Zukunft. Ein ineffizienter Schritt, der entfallen wird. Wer sieht sich (heute noch) Code in Assembler an?

8️⃣ Nach der Bubble sind die wahren Kosten der AI bekannt und wir werden sehen, wer sie in welcher Form bezahlt (Inserate, teure Abos, Bundles, Geschenke von Regierungen an die Bevölkerung etc) → Mittelfristige Annahmen an Kosten/Nutzen für Entwicklung müssen laufend neu evaluiert werden. Aktuelle Erfolgs-Erlebnisse und Kosten-Schätzungen zählen nicht, wir bekommen derzeit “freies Heroin am Schulhof”.

9️⃣ Eine erneute Diskussion über Software-Patente wäre (für die meisten) eine unangenehme Überraschung. Derzeit ist Software in der EU lediglich mit hoher “Technizität” (Hardware) patentierbar, kommen vielleicht dann doch bald Patente auf Trivialfunktionen (”1 Click  Order"-Button)? Die aktuelle “Ober-sticht-unter” Atmosphäre und die weiter anstehende Konzentration im Markt würde das erleichtern. Die Gegenbewegung wäre mehr GNU und Open Source, Universal Basic Compute und ein Menschenrecht auf Basis-Algorithmen und Tech-Mechaniken. AI und AGI wird ja auf dem Niveau von nuklearer Bedrohung gehandelt, also … </dystopia>

1️⃣0️⃣ Personen werden schnell und viele erfolgreiche Produkte und Unternehmen rund um AI Entwicklung aufbauen, weil sie eine Fachdomäne sehr gut kennen, den Zugang zu diesem Markt kennen und eine tragfähige Vorstellung der technischen Architektur haben. Notwendige Rollen: Business (Produkt Manager), ein Digitalvermarkter (Sales und Marketing), ein Technologe (Architektur, Test, Entwicklung) und eine sehr gute kreative Person für einzelne Interventionen. (In Österreich braucht man auch dauernd einen teuren Notar und Steuerberater 🙂).

1️⃣1️⃣ Klarheit und konzeptionelles Denken ist erforderlich. Mittelmäßiges Know How, Engagement und Konzept wird viel schneller als störend erkennbar (in Organisationen und Kunden-Lieferanten Verhältnissen) und wird noch schneller zum echten Wettbewerbsnachteil. Damit meine ich nicht Juniors, sondern die Tech-Mitte in Bezug auf Wissen und Alter, die sehr verwöhnt wurde zuletzt. Mit “verwöhnen” meine ich nicht den Obstkorb.

1️⃣2️⃣ Tests und testgetriebene Entwicklung (Test vorher schreiben, dann entwickeln) werden wichtiger, um automatisiert erstellte Artefakte aller Art (auch Anforderungen und Spezifikationen) auf die fachliche und technische Richtigkeit und gegenüber den architektonischen Grundsätzen der Organisation zu prüfen (Policies, Guidelines etc). Dieser Aspekt bekommt eine viel höheres Gewicht, weil die Tests nicht mehr nur die Anforderungen an Produkt oder Projekt enthalten, sondern darüberhinaus reichende, strategische, Rahmenbedingungen abdecken müssen (Gesamtarchitektur, Grundsätze, Compliance, geschäftlicher Kontext, …).

Morgen wird alles anderes sein und diese Erfahrungen hier sind nächstes Monat vermutlich 𝗼𝗯𝘀𝗼𝗹𝗲𝘁. Your mileage may (will!) vary.


TIL (laufend aktualisiert)

Tech Begriffe und Perspektiven nach Zeitraum meiner Beobachtung. In laufender Erweiterung.

Q4 2025

Ambient Code and Code Shepherds

"... A paradigm where code (created by tools like Claude Code and codex) is infinitely available, and generated on-demand. ..." Quelle 1 beschreibt einen Vergleich der Rollen und Aufgaben von "Written once, maintained forever" zum Wegwerfcode.

Quelle 1 - Quelle 2 


Claude Skills

Textfiles als Ergänzung zu MCP, Agents wird das Unternehmens-Wissen erklärt - ein Ansatz zur neuen Welt der Anforderungen und Spezifikationen in Software Entwicklung? "... Think of Skills as custom onboarding materials that let you package expertise ..." Nov 2025, Quelle

"... Ideas are just a multiplier of execution ... Ideas are worth nothing unless executed ..."

Hier ist ein schönes Bild dazu, wie sich das eine mit dem anderen multipliziert, Nov 2025, Derek Sivers

AI Retrodiction ability

"... AI is taking fragments of ancient history and reconstructing entire civilizations from them. ...", Feb 2025, Quelle

Universal Basic Compute

"Deal to get ChatGPT Plus for whole of UK discussed by Open AI boss and minister", Aug 2025, Quelle

Abundant Intelligence and Energy

Sam Altman Blog, Sep 2025

Is AI a Bubble? Experts Debate the Future of AI w/ Dave, Salim, and AWG, Aug 2025

Token Productivity
AI Microeconomics
Copium

A portmanteau of “cope” and “opium”, NYT

Q1 - Q3 2025

Dark factories

Aka "lights out factory"

Cobots

"... Für zahlreiche Aufgaben sei der menschliche Körper gar nicht die beste Form. „Wenn ich für einen Job einen Arm brauche – warum sollte ich dann einen Kopf dazubauen? ...“, Jun 2025, Handelsblatt

Wie geht es Software-Entwicklern mit AI Tool-Unterstützung?

Meine elf Beobachtungen zu Handwerk, Motivation und Produktivität von Software-Entwicklern mit Unterstützung aktueller KI Entwicklungstools; mit der Einladung und Bitte zur Kommentierung und Ergänzung:

1️⃣ Selbst Code schreiben ist cooler, als fremden Code zu lesen - egal wer ihn schreibt; Code Reviews machen selten Freude, dabei kommt niemand in den 𝗳𝗹𝗼𝘄. → Frust.

2️⃣ Produktivität leidet, weil Wartezeit entstehen, wenn man dem KI Automaten beim “denken” zusehen muss → Umstellung der 𝗔𝗿𝗯𝗲𝗶𝘁𝘀𝘄𝗲𝗶𝘀𝗲 notwendig um nicht den Fokus zu verlieren und durchzudrehen.

3️⃣ Vorschläge sind unterschiedlich gut: Ideal-Fall → Man kann wirklich was 𝗹𝗲𝗿𝗻𝗲𝗻, findet schnell Lösungen für technische Gebiete, die man selten braucht, wo man sich nicht so gut auskennt und wird auf 𝗜𝗱𝗲𝗲𝗻 gebracht.

4️⃣ Vorschläge sind unterschiedlich gut: Schlecht-Fall → Over-Engineering, Gefahr Technical debt (stapelweise Mist-Code mit lose zusammenhängender Konzeption), Fantasievorschläge, 𝗭𝗲𝗶𝘁𝘃𝗲𝗿𝘀𝗰𝗵𝘄𝗲𝗻𝗱𝘂𝗻𝗴 (alles gesehen).

5️⃣ Manche Code Vorschläge sind beleidigend schlecht - man ist “hin und hergerissen” zwischen 𝗠𝗮𝗴𝗶𝗲 𝘂𝗻𝗱 𝗦𝗰𝗵𝗿𝗼𝘁𝘁, Menschen arbeiten konsistenter → Frust und Ärger.

6️⃣ Komplexe, linear gestaltete und widerspruchsfreie Strukturdokumente können sehr, sehr gut analysiert werden (zB Schemen, Dokumentationen etc) → 𝗠𝗼𝘁𝗶𝘃𝗮𝘁𝗶𝗼𝗻𝘀𝘀𝗰𝗵𝘂𝗯 und wirkliche Zeitersparnis, mühsame Arbeit entfällt. Hier macht die Maschine, was die Maschine besser kann.

7️⃣ Je besser die 𝗦𝗽𝗲𝘇𝗶𝗳𝗶𝗸𝗮𝘁𝗶𝗼𝗻, desto besser der generierte Code → Aber wer weiß schon, was er wirklich will und kann das sauber formulieren, aufschreiben (lassen) und iterativ stabil und qualitätsvoll aktualisieren. Kein genuines KI Problem, aber "sine hoc non potest". Steht ein Revival des 𝗥𝗲𝗾𝘂𝗶𝗿𝗲𝗺𝗲𝗻𝘁 Engineerings ins Haus, wo User Story und technische Spezifikation gemischt werden?

8️⃣ KI zu 𝗸𝗼𝗺𝗽𝗹𝗲𝘅𝗲𝗻 𝗣𝗿𝗼𝗯𝗹𝗲𝗺𝗲𝗻 im eigenen Code über mehrere Teile hinweg fragen zeigt imposant, wie KI nicht “denkt” und sich meistens auch nicht "auskennt" → Frust.

9️⃣ Mehrzeilige 𝗦𝘁𝗮𝗻𝗱𝗮𝗿𝗱𝗮𝘂𝗳𝗴𝗮𝗯𝗲𝗻 können viel schneller erledigt werden → 𝗤𝘂𝗮𝗹𝗶𝘁ä𝘁𝘀𝗲𝗿𝗵ö𝗵𝘂𝗻𝗴 möglich, wenn Expert:innen wissen, was sie tun.

1️⃣0️⃣ Hauptaufwand an Zeit in der Softwareentwicklung bleibt denken und reden, 𝗞𝗼𝗺𝗺𝘂𝗻𝗶𝗸𝗮𝘁𝗶𝗼𝗻, nicht tippen → 10x und 100x mehr Produktivität Versprechen durch den Einsatz von KI sind Quatsch.

1️⃣1️⃣ Morgen kann und wird alles besser und anders sein. Diese Erfahrungen hier sind nächstes Monat vermutlich 𝗼𝗯𝘀𝗼𝗹𝗲𝘁 → Man muss aber trotzdem weiterarbeiten und kann nicht wöchentlich einen hyperaktiven Markt beobachten. Wie implementiert man dieses 𝗧𝗲𝗺𝗽𝗼 in Entwickler-Organisationen und synchronisiert in Teams die persönlichen Erfahrungen mit den Agreements?

Your mileage may (will!) vary.

Neues LLM von der ETH, transparent und offen 😎

Künstliche Intelligenz als öffentliche Infrastruktur. Bemerkenswert.

«... Derzeit ist Apertus das führende öffentliche KI-Modell: ein Modell, entwickelt von öffentlichen Institutionen im Dienste des Gemeinwohls. Es ist der bislang stärkste Beweis dafür, dass Künstliche Intelligenz eine öffentliche Infrastruktur sein kann – wie Autobahnen, Wasserleitungen oder Stromnetze», sagt Joshua Tan, Hauptverantwortlicher der Public AI Inference Utility. ..."

https://www.swiss-ai.org/apertus
https://de.wikipedia.org/wiki/Apertus